Entstehung der Sundhäuser Straßennamen

Zur Geschichte der Straßennamen in Sundhausen

In Alt-Sundhausen gab es lange Zeit gar keine Straßennamen im Dorf. Die einzelnen Häuser hatten Nummern, in der Reihenfolge ihrer Errichtung, was bei 52 Häusern (um 1850) noch völlig ausreichend war. Zu dieser Zeit gab es in den Städten, so auch in Nordhausen, schon längst Straßennamen.

Mit zunehmender Bebauung ergab sich jedoch ein ziemliches Durcheinander der Hausnummern im Sundhäuser Ortsbild.

Sundhausens erste Straßennamen ergaben sich deshalb vermutlich im alltäglichen Sprachgebrauch zuerst einfach so nach geografischer Lage und Besonderheit. Historisch belegt sind z.B. „Graben“ (spätere Grabenstraße), „Rinne“ (spätere Rinnestraße), die Rodegasse oder die Gartenstraße.

Die Giekersgasse, die auch zum historischen Kern von Sundhausen gehört, scheint vom Namen her eine Besonderheit zu sein: Woher diese seltsame Bezeichnung kommt, ist nicht bekannt. Es gibt außer Sundhausen offenbar keinen anderen Ort in Deutschland oder sogar auf der ganzen Welt, der eine Straße solchen Namens hat.

Lediglich aus dem alten Nordhausen ist überliefert, das es auch dort mal eine Giekersgasse gab:

Friedrich Christian Lesser schrieb 1740 über eine Feuersbrunst in Nordhausen „Schnell verbreitete sich das Feuer über den Königshof, die Predigerstraße und die Schule (das Gymnasium), die Jüdengasse, Rautenstraße und Giekersgasse (Neuestraße).“ Die Historische Kommission für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt schreibt 1888 zur Geschichte der Stadt Nordhausen:

„… hingegen machte man im Jahre 1788 den Anfang zur Durchbrechung der Stadtmauer bei der damaligen Giekersgasse, jetzigen neuen Straße, wo ein neuer Ausgang nach der Neustadt eröffnet wurde …“.

Jacob und Wilhelm Grimm leiten im Deutschen Wörterbuch den Begriff: „Gicker oder Gieker“ ab von gicken oder kiken = schauen oder gucken, vereinzelt in der Bedeutung auch Seher, Hellseher, sogenannte gicker; ebenso wird auf die oft im Thüringischen vorkommende Redensart jemandem auf dem Gieker haben = auf jemanden aufpassen oder einen Gieker auf etwas haben = begierig etwas ersehnen, verwiesen.

Die Märtensgasse oder Martinsgasse lag am östlichen Ortsrand, ursprünglich ein Feldweg, später eine schmale Straße, nur einseitig auf der Westseite bebaut. Sie entstand vermutlich, als 1850 der Friedhof von der Kirche an den Ortsrand verlegt wurde (nicht mit dem jetzigen Friedhofsstandort an der Betonstraße zu verwechseln). Die Umbenennung in Schulstraße dürfte um 1910-12 geschehen sein, als die Schule dort gebaut wurde.

Später erfolgte die Benennung der Straßen nach den an ihnen liegenden Bauwerken: Der Platz vor der Kirche wurde zum Kirchplatz, der Weg zum großen Gut wurde der Gutsweg.

Straßenbezeichnungen nach ihrer Bedeutung oder Richtung folgten. So die Hauptstraße (Vom Gasthaus an den Gütern vorbei zur Kirche), die Sondershäuser Straße, später die Uthleber Straße und die Riesleber Straße (Riesleber Straße = Straße nach Riesleben, auch Risla, ehem. Wüstung nahe der jetzigen Schweinemastanlage Uthleben). Der Kesselweg führte in westlicher Verlängerung der Uthleber Straße in Richtung Kessel (Kessel oder Kesselloch = alte Flurbezeichnung des Gebietes nördlich vom Kesselberg bis zur Helme).

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden neue Straßen nach damals bedeutsamen NS-Politikern benannt bzw. bestehende Straßen umbenannt. In Sundhausen waren dies ab ca. 1939:

Neu: „Horst-Wessel-Straße“

Neu: „Hermann-Göring-Straße“

Aus dem „Kirchplatz“ wurde der „Adolf-Hitler-Platz“

Aus der „Rinnestraße“ wurde die „Göbbelsstraße“

Aus der „Hauptstraße“ wurde die „Bismarck-Straße“

Aus dem „Graben“ wurde die „Schlageterstraße“

Nach Ende des 2. Weltkrieges erfolgte recht schnell die Umbenennung in ihre vorherigen Namen oder in anderweitige, politisch neutrale Bezeichnungen:

Aus der „Horst-Wessel-Straße“ wurde „Kesselberg“

Aus der „Hermann-Göring-Straße“ wurde die „Neue Straße“

Aus dem „Adolf-Hitler-Platz“ wurde wieder „Kirchplatz“

Aus der „Göbbelsstraße“ wurde wieder „Rinnestraße“

Aus der „Bismarck-Straße“ wurde wieder die „Hauptstraße“

Die „Schlageterstraße“ wurde wieder zum „Graben“, später dann „Grabenstraße“

Neu gebaute oder benamte Straßen in der DDR-Zeit wurden nach geografischen Bezeichnungen, Anti-Kriegs-Begriffen oder demokratischen Funktionären, die in der NS-Zeit umkamen, benannt. So entstanden u.a. der Steinbrücker Weg, die Friedensstraße und die Rudolf-Breitscheid-Straße.

Mehrere Jahrzehnte blieben die Straßennamen dann ohne Veränderungen.

Mit Ortseingemeindung von Sundhausen und anderen Dörfern zur Stadt Nordhausen und Vereinheitlichung der Postleitzahl auf 99734 mussten 2003 zur Vermeidung von Dopplungen und Verwechselungen wiederum einige Straßen umbenannt werden:

Aus der Rudolf-Breitscheid-Straße wurde die Wehrstraße (angelehnt an die Nähe zum früheren Helme-Wehr).

Die Hauptstraße wurde der Rinnestraße zugeordnet, ebenso der Teil des damaligen Gutsweges zwischen Hauptstraße und Gutshof. Der andere Teil des Gutsweges (vom Gut zur Uthleber Straße), wurde der Giekersgasse zugeschlagen. Die Gartenstraße wurde zur Carlsburger Straße – sie kehrte damit zu ihrem früheren Namen Karlsburger Straße zurück, wurde aber nunmehr mit “C“ statt „K“ als erstem Buchstaben geschrieben.

Neu gebaute Straßen außerhalb des Ortskerns, jedoch noch in der Gemarkung Sundhausen entstanden Stück für Stück nach dem Jahr 2000 durch das Gewerbegebiet und die Wohn- und Ferienhaussiedlung „Seelano“. Es sind dies die Straßen An der Helme, Angespann (beide nach alten Flurstücken benannt) und die Seestraße, die ihren Namen durch die Lage zwischen Sundhäuser und Forellensee bekam.