Weitere Erinnerungen zu den eigentlichen Kriegsjahren in Sundhausen
von Günther Angelstein
Bei jedem Fliegeralarm, ob am Tage oder bei Nacht, suchten wir, wenn die Flugzeuge zu hören waren, unseren gewölbten Keller auf. Mein Großvater hatte einen Papierbogen, auf dem Planquadrate aufgezeichnet waren. Im Radio wurde öfters durchgesagt, in welchem Quadrat sich die feindlichen Flieger befanden. Das funktionierte ganz genau. Wurde unser Planquadrat angegeben, konnte man darauf warten und man hörte das Gebrumme der Flieger.
Auf dem Platz vor der Gaststätte meiner Großeltern an der Helme legten die Sundhäuser Männer einen Splittergraben mit einem Bunker an. Meine Freunde und ich haben einmal bei Tage darin verbracht und die Bomber beim Überflug beobachtet. Ansonsten wurde der Graben nicht genutzt. Wir durften bei Fliegeralarm auch nicht mehr rein und nutzten ihn ansonsten zum Spielen. Das war in den Jahren 1943-44.
Einmal, es war im Jahr 1943, fielen auch Bomben auf Sundhausen, die meisten aber in die Schrebergärten und aufs Land vor dem Flugplatz. Eine schlug in der Rinnestraße ein. Mitten auf der Straße war der Bombentrichter und das danebenstehende Haus wurde nur leicht beschädigt.
Eine zweite traf den Saal der Gaststätte Schmidt. Die Familie Schmidt suchte immer Schutz unter der Helmebrücke, welche hinter dem Brückenpfeiler zur Landseite hin mit Holzstämmen und Erde seitlich abgedeckt zu einem Bunker hergerichtet war. Obwohl der Bunker nur einige Meter vom Saal entfernt war, passierte den Leuten darin nichts.
Im Sommer 1944, während eines Fliegeralarms, zischten amerikanische Tiefflieger über Sundhausen. Die machten sich sicher einen Spaß daraus, indem sie in der Karlsburger Straße bei der Fam. Gerlach durch die oberen Fenster schossen. Dabei wurden die Betten getroffen, in denen zum Glück niemand lag. Auch auf den Feldern wurde auf Leute geschossen, sowie auf Züge auf der Bahnstrecke Nordhausen-Halle.
Dann kam das Jahr 1945. Der Amerikaner zog ein, der kurz vorher Nordhausen noch zerbombt hatte. In der Stadt wurde nun auch geplündert. Zum Beispiel Stoffballen, grün-weiß gestreift, aus einem Waggon. Daraus wurden dann selbst Kleider geschneidert. Bei der Firma Marmeladen-Friedrich bediente man sich eben mit Marmelade und Saft. Ich bekam zu Weihnachten 1945 von Herrn Dziadeck, der bei uns wohnte und als Bauarbeiter der Firma Köhler in Nordhausen bei den Aufräumungsarbeiten eingesetzt war, ein Paar Skier. Diese stammten ebenfalls aus einem Waggon, welche für das deutsche Militär bestimmt waren. Meine Freude war natürlich groß.
Die Bevölkerung wurde vom Amerikaner aufgefordert, alle Waffen, die sie noch im Besitz hatten, abzugeben. Sammelstelle war der alte Kindergarten. Wir besaßen auch eine, aber das war ein alter Vorderlader meines Urgroßvaters. Meine Mutter gab auch diesen aus lauter Angst ab.
Es fehlte ja an allem, so z.B. auch an Schuhwerk. Ich bekam von Nachbars Mädchen (Schuchardt) ein Paar hohe Damenschuhe. Es war zwar komisch, ein Junge mit Damenschuhen. Aber damals lachte keiner darüber. Ich konnte dann jedenfalls per Fahrrad nach Nordhausen zur Klavierstunde bei Frl. Jäger in die Bäckerstaße. Nur mit den festen Schuhen konnte man die Rautenstraße durch die Trümmer überwinden. Für den Sommer fertigten wir Jungs uns selber Sandalen an. Wir schnitten uns Fußsohlen aus alten Autoreifen aus, befestigten ein paar Riemen darüber und schon hatten wir Sandalen an den Füßen. Den jungen Leuten von heute geht es weit besser. Wir haben eben aus der damaligen Zeit das Beste gemacht.
Aus Nordhausen besuchte uns 1945 und auch noch später der Lehrer und Botaniker Kurt Wein, genannt Bullichen Wein. Meine Eltern und Großeltern kannten ihn irgendwo her *. Bei uns wurde er immer bewirtet und er bekam auch immer etwas mit. Ich konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er erzählte. Er war stets mit einem Rucksack unterwegs. Meine Mutter erzählte mir, dass er nach 1945 im Rosarium Sangerhausen alle Rosenarten wieder bestimmte, weil niemand mehr die Namen der Rosen kannte.
1946 kam dann noch ein großes Hochwasser. Es kam über Nacht mit so einer Wucht durch die Gärten, dass sogar eine Mauer im Garten des Grundstücks Hauptstraße 5, die mein Urgroßvater wegen den häufigen Hochwassern hat setzen lassen, umriss. Sie war etwa 1,20 m hoch und ca 0,40 m breit. Diese Mauer lag dann mit Fundament 2 Meter weit im Garten. Dann floss das Wasser zum Kellerloch und Flur rein. Es stand im Hof bis ca. 20 cm unter den Fenstern. Im Flur hatten wir Stühle mit Brettern darauf stehen, um in die einzelnen Zimmer zu gelangen. Ich bin dann, mit dem schon erwähnten Bott aus dem Flugzeugtank übern Hof in die Ställe gepaddelt.
Zum Schluss noch ein Erlebnis meiner Konfirmation 1949. Zwei Schulfreunde und ich zogen mit dem Handwagen zum Heringer Holz, um für unsere Straußmädchen und uns Tannenbäume zu holen. Im Wald fanden wir noch einen Fallschirm, der sich in den Bäumen verhangen hatte. Jeder schnitt sich ein Stück Leine ab, welche aus Seide geflochten war. Ich habe dieses Stück heute noch. Mit 6 kleinen Tannnenbäumen beladenen Handwagen fuhren wir die Hainer Straße (B4) runter. Ich saß vorn drauf, die Wagenstange zwischen den Beinen zum Lenken, der zweite Mann saß in der Mitte mit einer Stange gegen die Wagenachse und den Straßenbelag haltend, zum Bremsen und der Dritte, fröhlich singend, hinten drauf. Auf der ganzen Strecke bis Sundhausen haben wir nur ein Auto begegnet (heute nicht mehr vorstellbar).
*) Kurt Wein war mal Lehrer meines Vaters an der Mittelschule
Günther Angelstein,
Nordhausen, d. 27.12.2009